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Der Modellbahnwelt-Reisende

Modellbahnwelt-Chef Michael Schuhmacher: „Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten.“

Nächster Halt: Odenwald. Mit Herzblut und Hartnäckigkeit hat Michael Schuhmacher in einem kleinen Ort in Hessen die größte Modellbahn-Anlage Süddeutschlands errichtet. 

Eigentlich wollen die drei Japaner nur zwei Stunden bleiben. Das Ziel der Geschäftsleute aus Fernost, die ihren Rückflug in die Heimat spontan um einen Tag verschoben haben, ist die Modellbahnwelt Odenwald. Um 11 Uhr vormittags betreten sie die Anlage – und schnell wird klar: Das Vergnügen nach der Arbeit muss in die Verlängerung gehen – zu groß ist die Begeisterung. Erst als sich am frühen Abend die Türen schließen, machen sich die Modellbaufans im Business-Outfit mit ihrem Mietwagen auf den 40-Minuten-Weg vom beschaulichen Ort Fürth, nahe der Grenze zwischen Hessen und Baden-Württemberg, zum Frankfurter Flughafen.

Der Mann, der diese Anekdote erzählt, heißt Michael Schuhmacher.
2009 hat er die Modellbahnwelt gegründet. Bestimmende Frage damals: Hat so ein Projekt abseits der Metropolen überhaupt eine Chance? Derartige Zweifel sind längst zwischen den grünen Hügeln des Odenwalds verflogen. Der gebürtige Heidelberger hat seine Miniaturschauwelt nach und nach zur größten Anlage ihrer Art in Süddeutschland aufgebaut und beschäftigt zehn Angestellte. „Mit dem berühmtem Miniaturwunderland in Hamburg können und wollen wir nicht konkurrieren“, sagt er. „Für solche Dimensionen fehlt uns hier die Laufkundschaft.“ Dennoch hat sich Schuhmachers Miniatur-Ausstellung als eine der führenden Attrak­tionen im südlichen Odenwald etabliert – auch dank der Kooperation mit den Tourismusbüros der Region. „Das war nicht immer einfach“, sagt der Modellbahnwelt-Chef. „Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten.“

Die Villa Hügel war ehemals das Wohn- und Repräsentationshaus der Industriefamilie Krupp.

Je schlechter das Wetter, desto mehr Besucher

Weil Schuhmacher kein Typ ist, der schnell aufgibt, weist inzwischen auch ein Schild am Ortskreisverkehr auf die Anlage mit ihren 2300 Quadratmeter Ausstellungsflächen hin. „Die meisten unserer Gäste sind Familien“, erzählt er. „Die eingefleischten Modellbahner machen etwa zwanzig Prozent aus.“ Generell gilt: Je schlechter das Wetter, desto mehr Gäste. „Bei 35 Grad gehen die Leute lieber ins benachbarte Freibad. Unsere Hauptsaison läuft vom Herbst bis Ostern.“ Dennoch tummeln sich an diesem – etwas bewölkten – Sommertag kurz nach Mittag mehr als zwei Dutzend Gäste in der Ausstellungshalle, darunter viele Großeltern mit ihren Enkelkindern.

Der 49-Jährige führt durch die Anlage – und stoppt kurz hinter dem Eingang vor einem der Ausstellungs-Highlights: die weltgrößte Miniaturkirmes in Nenngröße H0 (Maßstab 1:87), ausgestattet mit Hunderten von Fahrgeschäften und rund 10.000 Einzelfiguren. Auf die Wirklichkeit übertragen wäre das Areal drei mal so groß wie das Oktoberfest. Schuhmachers persönlicher Lieblingsort in der Anlage ist jedoch ein anderer: „Da müssen wir zum Ruhrgebiet hinüber spazieren“, sagt er, während es – wie alle 15 Minuten – „Nacht“ wird in der Halle und Riesenrad, Achterbahn und Karussels in einem Leuchtreklame-Meer aufgehen.

Zeitreise ins Ruhrgebiet der 1960er Jahre

Das Ruhrgebiet im Odenwald ist 130 Meter lang und 450 Quadratmeter groß – entstanden nach Originalgleisplänen, Fotografien und Gebäudeplänen.„Ein Modell mit Hirn und Verstand“, so Michael Schuhmacher. Vor einer authentischen Kulisse der 1960er Jahre ist die letzte Hochphase der sogenannten „Montan­union“ dargestellt. „Im Modell kann man nach­voll­ziehen, wie sich Erz in Stahl verwandelte und welche Rolle die Bahn als Transportmedium zwischen Binnenhäfen, Stahlwerken und Hochöfen spielte. Für jede Etappe gab es speziell ausgerichtete Eisenbahnwaggons.“ In Zukunft will der Modellbahnwelt-Chef diesen Produktionsprozess in „seinem“ Ruhrgebiet noch stärker didaktisch aufbereiten – etwa durch Video-Installationen, die zusätzlich zu den Schautafeln mit Informationen zum Thema versorgen. „Das wäre ideal für Schulklassen.“

Schuhmacher: „Ich mag filigrane Anlagen, bei denen man an solchen Details kleben bleibt.“

Das Autokino der Jugend im Modell wiedererkannt

Während immer wieder Züge vorbei tuckern, bleibt Schuhmacher an der Grenze zwischen den Bereichen Essen und Oberhausen stehen. Er  zeigt auf einige PKW´s, die aufgereiht und mit Frontalblick auf eine riesige Leinwand geparkt haben: das Autokino Essen-Bergeborbeck – im wahren Leben der 60er schwer im Trend, heute immer noch in Betrieb. „Einmal war in der Anlage ein Seniorin zu Gast, die hier in der Gegend wohnt, aber ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammt“, erzählt Schuhmacher eine dazu passende Anekdote. „Sie war total begeistert von dem Autokino-Modell, weil sie das echte Kino in ihrer Jugend oft besuchte und sich bei uns an romantische Abende mit ihrer ersten Liebesromanze erinnert hat.“

„In guten Modellbahnanlagen lässt man nicht nur grob den Blick schweifen, sondern geht mit den Augen spazieren.“

Überhaupt seien die Besucher generell besonders dann von den Modellen angetan, wenn sie zu den entsprechenden Orten und Landschaften eine Beziehung haben. Kein Wunder, dass auch Michael Schuhmacher seinen persönlichen Lieblingsort in der Modell­bahnwelt Odenwald schon einmal besucht hat: Die Villa Hügel, ebenfalls auf Essener Stadtgebiet.Das schlossähnliche Gebäude mit riesigem Park war ehemals das Wohn- und Repräsentationshaus der Industriefamilie Krupp, heute ist es Sitz einer Stiftung und oft Schauplatz für Konzerte und Ausstellungen. Vor dem Modell eben dieser Villa Hügel und den vorbeifahrenden Miniaturbahnen bietet sich eine lebensgroße Sitzgelegenheit: Für ein Päuschen können sich die Gäste der Schauanlage auf vier Originalsitzen aus dem Metro­politan niederlassen – einem Luxuszug, der von 1999 bis 2004 zwischen Köln und Hamburg verkehrte und dabei auch in Essen Station machte.

„Als ich fünf war, hat mir mein Vater die erste Eisenbahn geschenkt. Das war 1973, seitdem bin ich von dem Thema nicht mehr losgekommen.“

Modellbahn-Tekkie seit dem fünften Lebensjahr

Erst ein Zufall verwandelte ihn vor neun Jahren von einem passiven zurück in einen aktiven Modellbahner: Schuhmacher, inzwischen selbständiger Finanzberater mit Schwerpunkt Sanierung und Restrukturierung, bekommt einen Anruf von einem Insolvenzverwalter. Der weiß von Schuhmachers Modellbahnleidenschaft und vermittelt ihm eine 50 Meter lange H0-Anlage, die eine Bahnreise durch Deutschland simuliert („Von der Küste zu den Alpen“). Erst überlegt Schuhmacher, das Modell nur privat unterzubringen. Dann entschließt er sich, „einen Testballon zu starten“: Er mietet eine Halle am Ortsrand von Fürth und bringt mit Hilfe eines Programmierers die Technik auf Vordermann. Die ersten Gäste kommen, Schuhmacher vergrößert die Ausstellung, kauft weitere Modelle hinzu. Es läuft gut an. Doch nach einigen Jahren ist eine weitere Expansion in der gemieteten Halle nicht möglich: „Kaum Parkplätze, kein Platz für Gastronomie, Stress mit dem Vermieter.“ Schuhmacher beschließt umzuziehen. Die Gemeinde bietet ihm ein gut erschlossenes Gelände an, auf dem eine alte Tennishalle steht. Schuhmacher sagt zu, lässt die Tennishalle abreißen und investiert in ein neues Gebäude. Durch Abbau und Umzug leiden die Miniaturmodelle: Kabel werden durchgeschnitten, Oberleitungen zerstört. „Ich musste zum Beispiel die Modellbahnanlage Ruhrgebiet komplett neu verkabeln lassen und nach dem Transport auf 18 Sattelzügen von Grund auf neu aufbauen. Das war immens viel Arbeit.“Doch Schuhmacher brennt für sein Projekt, zieht es trotz der Rückschläge durch – und eröffnet Ende 2013 am heutigen Standort zum ersten Mal die Tore fürs Publikum.

Vorliebe für filigranen Modellbau

Schuhmacher zeigt auf ein kleines Wäldchen am Rande des 60er-Jahre-Ruhrgebiets: Im Schutz der Bäume und unweit der Bahnstrecke stehen zwei Campingbusse und ein Wohnwagen, allesamt bemalt in Flower-Power-Optik. Die dazugehörigen Hippies haben ein Lagerfeuer entzündet. Vermutlich deshalb ist die Polizei mit einem Streifenwagen angerückt. „Ich mag filigrane Anlagen, bei denen man an solchen Details kleben bleibt“, sagt Schuhmacher, während er das „Ruhrgebiet“ verlässt und sich vorbei an der „Schweiz“, den „USA“ und „Österreich“ auf den Weg ins Modellbahnwelt-Café macht.

Bei einem Kaffee auf der Modellbahnwelt-Außenterrasse zieht Michael Schuhmacher Bilanz: „Nach dem Umzug mussten wir hier erst mal Wurzeln schlagen und uns in der neuen Umgebung akklimatisieren. Mittlerweile bildet sich auch das feine Wurzelwerk aus.“ Damit einem weiteren Wachstum nichts im Wege stehe, verrichtet Schuhmacher quasi zwei Vollzeitjobs: Die Leitung der Modellbahnwelt und die Arbeit als Finanzberater. „Ich komme locker auf 80 bis 90 Arbeitsstunden die Woche.“ Erst vor ein paar Stunden ist Schuhmacher von einem Geschäftstermin aus Berlin zurückgekehrt. Dort und in anderen Städten und Regionen hält der „Modellbahnwelt-Reisende“ nebenbei stets die Augen auf, ob Modellbauanlagen zum Verkauf stehen, die in sein Ensemble passen könnten. Schließlich gilt auch für ihn eine vielzitierte Modellbahner-Weisheit: Wenn eine Anlage komplett fertig ist, macht es keinen Spaß mehr.

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